Kolpingsfamilie Ankum tritt für Colonia-Dignidad-Opfer ein

Augenzeugen, Menschenrechtler und ein Politiker: Die Kolpingsfamilie Ankum rückt das Leiden der Menschen in der Colonia Dignidad in den Mittelpunkt. Foto: Martin Schmitz
Augenzeugen, Menschenrechtler und ein Politiker: Die Kolpingsfamilie Ankum rückt das Leiden der Menschen in der Colonia Dignidad in den Mittelpunkt. Foto: Martin Schmitz
Vielleicht hilft ja der Anstoß aus der Provinz: Die Kolpingsfamilie Ankum fordert Gerechtigkeit für die Opfer des Colonia-Dignidad-Skandals. Nun muss sich zeigen, ob sie Gehör findet.

Eine knappe Woche nach ihrem Filmabend bat die Kolpingsfamilie zur Diskussion mit Augenzeugen und Kennern der schauerlichen Skandalgeschichte der deutschen Siedlung in Chile, in der jahrzehntelang Kinder missbraucht, Erwachsene gnadenlos ausgebeutet und politische Gegner der Pinochet-Diktatur gefoltert wurden. Der Abend war so hochkarätig besetzt, dass sogar Filmproduzenten neugierig wurden, die eine Dokumentarreihe über die Colonia planen, und Martin Knobbe, der als Redakteur beim Spiegel dem Thema nachgeht.

Es ist noch schlimmer als gedacht, macht Rechtsanwalt Dieter Meier klar, der mit dem ebenfalls anwesenden Jürgen Karwelat in den Siebzigerjahren eine erste Aufklärungsbroschüre bei Amnesty International zur Colonia veröffentlichte. Paul Schäfers Schergen lieferten der chilenischen Diktatur über ihr Spitzelsystem Hinweise zu Verhaftungen, betrieben ein Labor für Giftanschläge und handelten mit Waffen. Sie waren „Dienstleister der Diktatur“ so Meier, die auch die deutsche Botschaft verwanzten und abhörten.
Oktoberfest über Folterbunker
 
Daniel Brühl spiele im Film die Figur, mit der sie sich am ehesten identifizieren können, sagt Peter Rahl, der mit den Brüdern Winfried und Heiner Schmidtke kam. Auch sie seien über Jahren mit Psychopharmaka ruhiggestellt worden und mit Elektroschocks bis zu tagelanger Bewusstlosigkeit traktiert worden. Sie wirken aber nicht wie hilflose Opfer, weil sie es geschafft haben, aus der Colonia freizukommen, nach Deutschland zurückzukehren und Familien zu gründen. Andere hängen immer noch auf dem Gelände in Chile fest, wo über den Folterbunkern heute Oktoberfest gefeiert wird.
 
Franz-Josef Ewerding führt moderat durch den Abend, doch Markus Heitmann ist Fassungslosigkeit anzumerken und Klaus Wesselkämper ebenso, als er namens der Ankumer Kolpingsfamilie fast 1400 Euro Erlös der Tannenbaumaktion an Jürgen Karwelat übergibt für die Not- und Interessensgemeinschaft der Geschädigten: Wieso haben deutsche Behörden jahrzehntelang nichts unternommen? Warum gibt es immer noch keine Regelung für die Entschädigung der Opfer, auf die diese dringend angewiesen wären?
 
André Berghegger ist nicht lang genug im Politikbetrieb, um für die Versäumnisse persönlich verantwortlich zu sein. Der CDU-Bundestagsabgeordnete ist nach Ankum gekommen, um zuzuhören, etwas mitzunehmen nach Berlin. Dort seien nach einem ersten Vorstoß 2016 Politiker entschlossen, weiterzumachen, berichtet er. Ein Brief an den künftigen Außenminister der Großen Koalition sei schon formuliert.
 

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